Im Kampf gegen Suchtkrankheiten: Dem zermürbenden Abstieg ein Ende setzen

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Im Kampf gegen Suchtkrankheiten:
Dem zermürbenden Abstieg ein Ende setzen

VON ANDREAS KLAMM
Dudenhofen/Speyer. In der Bundesrepublik sind rund 800 000 Menschen von Medikamenten, 40 000 bis 60 000 von illegalen Drogen und mehr als zwei Millionen Menschen vom Alkohol abhängige Personen verzeichnet. Fünf Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung ist laut Caritasverband Speyer behandlungsbedürftig, und auch im Raum Speyer/Dudenhofen ist dieses Problem längst nicht mehr unbekannt.
Wege in die Unabhängigkeit werden angeboten. Die Zahl der Süchtigen schätzt der Initiator der neuen Dudenhofener AA-Gruppe auf cirka zehn Millionen, „vielleicht noch höher“, da nicht alle Suchtkranken registriert seien.
Gründer des weltweiten AA-Gruppen-Systems waren 1935 in den USA der bekannte Börsenmakler Bill, aus der Wall Street und Dr. Bob (Chefarzt), beide selbst vom Alkohol abhängig. Gegen den Alkoholismus versucht die AA-Gruppe Speyer seit fünfzehn Jahren, auch gegründet von einem Betroffenen, anzukämpfen, und dies nicht ohne Erfolg. Jetzt wechselte der engagierte Initiator der Speyerer AA-Gruppe nach Dudenhofen und betreut seit 28. Januar dort seine „Kollegen“.
„Bei uns gibt es keine Leitende, nur Leidende“, meint er und erzählt seine Geschichte. Für den Beginn mit dem Trinken bis hin zum „totalen“ Abstieg auf den Nullpunkt gibt es keine allgemeingültigen Regeln. Verschiedene „auslösende Faktoren“ und Labilität des einzelnen wirken zusammen. Bis zur Entziehungskur war es ein sehr schwerer Weg: „Meine Frau stellte mich konsequent vor die Wahl, entweder du hörst auf zu trinken oder ich gehe. Ich entschloß mich für meine Frau!“ Nach 20 Jahren „Suff“ gelang es ihm nun, fast acht Jahre „trocken zu bleiben“. Endlich hatte er es erreicht, “ der Zeit des zermürbenden Abstiegs ein Ende zu setzen.“
Die Phasen des Alkoholismus lassen sich in Früh-, Mittel- und Endstadium gliedern. Für 95 Prozent bedeutet der übermäßige Alkoholgenuß den sozialen Abstieg. Mit einem Glas Bier, einem Cognac, sieht ein Problem plötzlich ganz anders aus. Der Griff zur Flasche wird immer öfters… Der Trinker empfindet anders. Das Denken und Handeln wird durch den „Fremdkörper“ Alkohol negativ beeinflußt. Persönlichkeitsänderung und der Umgang mit „Niveau-Niedrigeren“ folgen, bis der Trinker ihnen eines Tages gleichgestellt ist. Der Süchtige verliert die Kontrolle und seine Hemmungen bis zur Unzurechnungsfähigkeit. Der Arbeitsplatz ist gefährdet. Immer wieder stellt sich für ihn die Frage: wie komme ich an die Flasche? Den Grund für sein Trinken schiebt er immer anderen, nie sich selbst zu. Zu kriminellen Handlungen, meint der Dudenhofener AA-Gruppen-Betreuer, würden Trinker nur selten, neigen.
Der „Leidende“ erzählt weiter: „Schweißgebadet, mit schwerer Atemnot, wachte ich an jenem Morgen auf. Asthma – eine Krankheit, die keine war. Ein heilungsversprechendes Mittel aus Belgien, in der Apotheke erhältlich, brachte für mich den kompletten Rückfall mit katastrophalen Folgen. Erst später erfuhr ich, dass im Mittel 82 Prozent Alkohol enthalten waren, die mich wieder in ein „Meer von Flaschen“ zurückwarfen. Der ehemalige Alkoholkranke trank so sehr, dass er fast sein ganzes Unternehmen im Alkoholrausch verlor. Bis zum Selbstmordversuch und einem Schädelbasisbruch ging der Rückfall. Letztlich hatte ich drei Möglichkeiten: „Klapsmühle, Tod oder weg von der Flasche“.
Er entschloß sich für das letztere und lernte eine AA-Gruppe kennen. Heute betreut er selbst die Dudenhofener AA-Gruppe, die nicht mit einem Verein oder einer Behörde zu vergleichen ist. AA, Anonyme Alkoholiker bedeutet aus freien Stücken, ungezwungen und ohne jedes „Muß“ vom Alkoholismus wegzukommen, mit seiner Krankheit leben zu lernen. Und vor allen Dingen bleibt die Anonymität bei der AA gewahrt. Der Betroffene muß keine Formularberge ausfüllen oder massenweise Anträge stellen. Er kann einfach zu einem AA-Meeting kommen, zuhören, zuschauen, gehen oder bleiben, mitdiskutieren und erzählen.
Mit dem AA-Konzept, erarbeitet von Abhängigen, wurde schon vielen tausenden Suchtkranken in aller Welt geholfen, von der Flasche oder Tablette wegzukommen. Zusammen mit Leidensgenossen versuchen „trocken“ zu bleiben ist das Ziel der Alkoholiker-Gruppe. In der AA-Gruppe kann der einzelne seine Freiheit wiedererlangen. Alle sind in der AA-Gruppe gleichgestellt, alle um Stillstand der Krankheit und Resozialisierung bemüht. Dem neuen AA-Gruppen-Besucher hilft auf Wunsch ein „Sponsor“ für ein ganzes Jahr lang, den Weg in die Unabhängigkeit zu erreichen. Dieser steht Tag und Nacht in allen Situationen zur Hilfe bereit.
Die Betroffenen geben in der Gruppe ihre Erfahrungen an andere Betroffene weiter. Ziele der AA sind „Kapitulation vor dem Alkohol“, gründliche und furchtlose „Inventur“ im Innern, Beseitigung von Charakterfehlern, Wiedergutmachung von begangenen Fehlern und eben auf Dauer „trocken“ zu bleiben.
Einzige Voraussetzung für die AA-Zugehörigkeit ist der aufrichtige Wunsch mit dem Trinken aufzuhören. Die Anonymen Alkoholiker sind unter Telefon 0 62 32 . 93 651 (Helmut) zu erreichen.
Erst-Veröffentlichung: Speyerer Tagespost, 1984
Zweit-Veröffentlichung: British Newsflash Magazine, IFN d734 News Magazine, April 2006

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